Schuld

»Und zwar geht es in der Geschichte um eine junge Frau, die einen geselligen Tag mit ihrer besten Freundin und ihrem besten Freund auf einem Jahrmarkt verbringen wollte. Die beiden Freunde waren seit Jahren ein Liebespaar und die junge Frau kannte sie bereits ihr Leben lang.

An jenem besagten Tag zogen die drei so bald wie möglich los, um eine ausgelassene Zeit auf dem Rummel verleben zu können. Sie ließen es sich auf dem Volksfest so richtig gut gehen und genossen die vielfältigen Angebote in vollen Zügen. Sie aßen so viele Leckereien, wie sie konnten, lagen sich vor Freude immer wieder in den Armen und fuhren unzählige Male mit den abenteuerlichsten Karussells. Eines davon, die größte Attraktion des Rummels, hatte es ihnen ganz besonders angetan. Immer wieder stellten sie sich für eine weitere Fahrt in die lange Warteschlange.

Bis zu jener schicksalhaften Stunde war es der perfekte Ausflug für die drei, von dem sie hofften, noch jahrelang schwärmen zu können. Nach einer letzten Fahrt ging dem jungen Paar das Geld aus und sie überlegten, zu Hause den Tag entspannt ausklingen zu lassen. Die junge Frau war von der letzten Fahrt aber immer noch voller Adrenalin und wollte den Rummel unmöglich schon verlassen. Daher kratzte sie ihr letztes Kleingeld zusammen und bat die zwei, eine allerletzte Runde mit ihr zu drehen. Die beiden Freunde lehnten zunächst ab, ließen sich aber schließlich zu einer weiteren Fahrt überreden. Ohne jede Vorahnung stiegen sie ein. Nachdem das Karussell bereits mehrere Runden zurückgelegt hatte, knallte es auf einmal schrecklich laut – die Gondel, in der die jungen Leute saßen, löste sich aus der Halterung und stürzte in die Tiefe. Der Mann war auf der Stelle tot und seine Partnerin erlitt so schwere Verletzungen, dass sie zeitlebens auf medizinische Unterstützung angewiesen war. Die junge Frau kam mit ein paar blauen Flecken davon.Doch seit jenem Tag änderte sich ihr Leben von Grund auf. Sie fühlte sich für den tragischen Unfall verantwortlich. Viele Jahre später entschied sie sich für eine Psychotherapie, da sie von ihren unsäglichen Schuldgefühlen erdrückt wurde. Als sie ihrem Therapeuten von jenem Schicksalsschlag berichtete, wollte dieser ihr im ersten Moment sagen, dass sie keine Schuld an dem Unglück trage. Doch dann überlegte er, wie oft die junge Frau solche Beschwichtigungen schon gehört haben musste und wie wenig ihr damit geholfen war. Viel eher kam er zu dem Schluss, dass sie sich wahrscheinlich doppelt schuldig fühlen würde, wenn er ihr die Schuldgefühle ausreden wollte. Daher erklärte ihr der Arzt, es sei absolut in Ordnung, sich nach so einem Erlebnis schuldig zu fühlen. Durch dieses Verständnis stieg sofort etwas Befreiendes in ihr auf, und die junge Frau war nicht mehr ganz so traurig und fühlte sich nicht mehr ganz so belastet.«

Aus „Im Zirkus des Lebens. Eine Geschichte von Mut und Veränderung.“ von Marcel Schönefeld

In Anlehnung an: Ajahn Brahm (2004). Die Kuh, die weinte. Buddhistische Geschichten über den Weg zum Glück.

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